Bekanntlich findet im Alter nicht mehr so viel Sex statt wie in den langen zurückliegenden Ehejahren. Irgendwann lässt die Potenz des Mannes etwas nach und dann versuchen viele Männer mit Sildenafil-Tabletten oder Papaverin-Injektionen nach zu helfen. Doch bei den Frauen hat auch die Lubrifikation nachgelassen und die Sache wird unangenehm. Ich habe meinen Patienten dann immer den Alters-Sex empfohlen, den mir eine ältere Patienten aus eigener Erfahrung stammend beschrieben hatte. Dabei wird keine Penetration, keine ‚immissio penis‘ mehr angestrebt, um es wissenschaftlich auszudrücken. Die Patienten sagte zu mir, dass man sich umarmt und massiert, streichelnd bewegt und berührt. Sie betonte noch, dass für eine Ejakulation nicht unbedingt eine starke Erektion nötig ist – wenn man will – reibt sie den Penis des Partners mit Spucke oder einer Feuchtigkeitscreme ein, so dass eine Ejakulation zustande kommen kann, wenn er weiter manuell stimuliert wird.
Und für sie selbst – wobei sie glaube, dass dies für die meisten Frauen zutrifft – sei wohl die gesamte Haut das entscheidende Organ für den besagten Alterssex. Über die Haut müsse der Körper einfühlend gedrückt, gestreichelt, massiert, mal stärker, mal sanfter berührt werden, was gleichermaßen zu einer erotischen Befriedigung führen würde. Vor allem die Haut am Rücken sei das erotische Organ der Frau im Alter, meinte sie. Aber auch ‚Popoklatsche‘ sei gefragt, erzählte sie mir lachend, weil es ihr doch zu intim und peinlich erschien. Doch ich sagte zu ihr, das sei ja deswegen noch keine Sado-Maso-Veranstaltung, bei des es ja vorwiegend um Erotik und Gewalt geht, die meisten in einen absurden Plot eingebunden sind. Der Philosoph M. Foucault – so ergänzte ich – habe von einer ‚Liebestechnik‘ gesprochen, die jeder selbst frei gestalten könnte, und auch der Psychoanalytiker O. Kernberg beschreibt solche Erosspiele.1
Meine Patienten fügte allerdings hinzu, dass eine derartige sexuelle Begegnung nicht so häufig passieren muss, wie der sogenannte normale Sex bei jüngeren Paaren. Schließlich sei man alt und oft sind die Männer gar nicht mehr so sehr dazu geneigt, diese Altersversion der Erotik mit zu gestalten. Ich sagte zu ihr, dass schon Freud, der Begründer der Psychoanalyse sich über die sexuelle Aversion des Alters mokiert habe, selbst aber schon sehr früh sexuelle Betätigungen einstellte. Es ist offensichtlich nicht nur eine Frage der sexuellen Fähigkeit, sondern auch des erotischen Verlangens, um das es geht. Aber wird dies alles in der heutigen Zeit nicht viel stärker diskutiert? Vor allem das Verlangen bei der Frau?
Im Falle meiner Patientin ging und geht die Initiative hauptsächlich von ihr aus, schloss sie ihre Bemerkungen, was mich erstaunte. Denn andererseits ist bekannt, dass Männer jeden Alters, und besonders solche in späteren Jahren häufig masturbieren. Nicht umsonst nannte Lacan die Masturbation des Genießen des Idioten, denn wenn man so etwas vielleicht mit einem Bild im Kopf alleine tut, versäumt man doch gerade die spannende und erregende Zweiheit, die auch im Alterssex nicht zu kurz kommt. Für das Alter ist es jedenfalls ein gutes Verfahren, die sexuelle Liebe nicht aufzugeben und eventuell nur langsam ausklingen zulassen, bis man schließlich – und dies ist jetzt meine Auffassung des Ganzen – ins reine ‚autochthone Genießen‘ eintritt, das alle Beziehungsprobleme löst.
Denn es muss wohl ein übergeordnetes, ‚autochthones‘ Genießen geben, das selbst in der Pflanzenwelt existiert. Auch die Pflanzen genießen offenbar, und dies kann nur etwas ganz Elementares sein. „Der Stoff aller Arten des Genießens grenzt nämlich an das Leiden, und das ist das Kleid, woran man es erkennt – wenn die Pflanze nicht offenkundig leiden würde, wüssten wir nicht, dass sie lebt“.2 Auch an anderer Stelle diskutiert Lacan das Genießen der Pflanzenwelt.3 Dieses also selbst der Flora innewohnende allerursprünglichste Genießen, das auch der menschlichen Erfahrung zugänglich ist, nenne ich ‚autochthon‘, und es scheint so elementar und eben ursprünglich zu sein, dass die Menschen es weitgehendst verdrängt, verlernt und verworfen haben. Man kommt ihm aber näher, wenn man – ob jetzt im Alter oder auch schon früher – den Sex mit meditativen Verfahren, wie sie z. B. in manchen trantischen Methoden versucht werden, bereichert. Was üblicherweise unter Tantra verstanden wird, ist meist jedoch nur ein ermüdender, möglichst zeitlich verlängerter sexueller Akt, in dem der Mann sich permanent zurückhalten muss, und somit wenig brauchbar.
Dagegen scheint mir das, was mir die Patientin mit ihrem Alterssex berichtet hat, eine ebenso ursprüngliche, distinkte, seelenvolle Methodik zu beinhalten, da sie auch ständig jeden Tag meditiere. Dabei kämen ihr nicht hochtrabende geistige Gedanken, sondern entspannende, kontemplative Gefühle und Stimmungen, oft gerade in ein erotisches Verlangen münden würden, in dem Massagen und Schläge aufs Gesäß und andere Körperteile mit dazugehörten. Und vor allem – so sagte sie mir noch mit einem Augenzwinkern – sie habe es ja wortwörtlich ‚in der Hand‘ die Zärtlichkeiten und Erregungen so zu steuern, so dass die Begegnung nicht zu vorzeitig endet. Früher hörte es immer mit der Ejakulation des Mannes auf, jetzt sei es ein, den Frauen viel mehr entsprechenderes, passenderes und kunstvolleres Genießen. Ich erinnerte mich, dass auch diesbezüglich Lacan seine psychoanalytischen Kommentare abgegeben hat, indem er sagte, dass den Frauen dieses – von mir ‚autochthon‘ genannte – Genießen ohnehin viel mehr zu eigen sei, sie würden es aber aus Unwissenheit nicht so richtig schätzen. Sie würden es empfinden, aber nicht wissen, es differenziert zu sagen, wie es meine Patientin tat.
Nun muss ich zuletzt doch noch etwas ergänzen und einmal zum männlichen Genießen im Alter etwas sagen. In einer Studie an 32 000 Männern (veröffentlicht in Medscape 2017) konnte bewiesen werden, dass Männer, die über 60 Jahre alt waren und noch häufig Ejakulationen hatten, deutlich weniger Prostatakrebs bekamen. Also sollte man doch nicht zu früh mit dem Alterssex anfangen und das übliche Sexualverhalten aus der Jugend auch im Alter weiter fortsetzen. Die Sache ist immerhin bedenkenswert. Doch die Studie zeigte auch, dass diese sexaktiven Männer früher starben. Eine Erklärung darüber wurde in Medscape nicht gegeben. Ich könnte mir aber leicht Folgendes vorstellen.
Die häufig ejakulierenden Männer waren die Rabauken, die auch rauchten, soffen und ziemlich ungesund in den Tag hinein lebten. Sie verkehrten in den Kreisen missglückter Großstadtviertel, in Kneipen und Trödelläden oder unter Angebern und Großmannssüchtigen. So hatten sie häufiger Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Krebserkrankungen, z. B. Darmkrebs, für den massiver Fleischgenuss und Alkohol ernsthafte Risikofaktoren sind. Doch was soll man nur für ein Fazit aus der ganzen Geschichte ziehen? Mein Vorschlag: Im Gegenteil zu der Ausage aus Kir Royal "ein bisserl was geht immer", rate ich zu einem "nur ein bisserl was von allem, und ohne dabei Rabauken zu werden", kurz: Alterssex zu haben.