Analytic Psychocatharsis

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Analytische Psychokatharsis

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Die Psychoanalyse ist zwar die am weitesten entwickelte psychotherapeutische Wissenschaft, jedoch in ihrer klassischen Form für die Behandlung der „körperlich kranken Seele", also von Krankheiten, die körperliche Beschwerden machen, aber im seelisch Unbewussten ihre Wurzel haben, nicht geeignet. Das Problem liegt in der Art und Weise ihrer Sublimierung, d. h. der Verfeinerung, Erhebung der unbewussten Triebkräfte ins bewusste, gesellschaftliche und kulturelle Leben. Arbeit, Kunst, Kultur und eben auch analytische Psychotherapie sind z. B. Wege, auf denen die ungesteuerten Triebkräfte verfeinert und dem bewussten Alltags- und Gefühlsleben zugänglich werden. Manche dieser Sublimierungen sind mehr intellektuell, andere mehr körper- oder gefühlsnah. So leuchtet es sicher sofort ein, dass Sport beispielsweise eine sehr körpernahe Sublimierung ist, aber es wird dabei nichts intellektuell verarbeitet oder erkannt.

Verwendet man in der Meditation Formulierungen, die sich am Rande der Sprachlichkeit bewegen und wissenschaftlich genau dem psychoanalytischen Konzept entsprechen (die bereits erwähnten FORMEL-WORTE), kann man auch diesen noch restlichen Unterschied zwischen Psychoanalyse und meditativen Methoden vernachlässigen und überwinden. Denn letztlich besteht die „Gegenwärtigkeit" des Meditations-Lehrers genau so wie die des Analytikers in erster Linie in der Struktur von etwas stark Symbolischem, Worthaften, Bedeutungsbezogenem. Der Lehrer ist nicht die Figur, die nur fertiges Wissen im Kopf hat. Er ist vielmehr - wie die Psychoanalytiker sagen - das „Objekt der Übertragung", d. h. unbewusste Bedeutungen (Virtuelles) werden vom Schüler, Patienten, auf ihn übertragen und können so von ihm zur Deutung (Rhetorisches) gebracht oder gelenkt werden. „Objekt der Übertragung" und „Deutung" dieser Übertragung sind konzentriertestes Symbolisches, Signifikantes, Essenz des Worthaften, des SPRICHT, aber auch des Bildhaften, Virtuellen, das STRAHLT schlechthin. Sie sind nicht einfach nur Gegebenheiten, Figuren, Formen, sondern sind mit Bedeutung aufgeladen, so wie etwa in der Antike das Delphische Orakel. Dort konnte man an eine Priesterin (Objekt der Übertragung) eine Frage stellen, die dann mit einem kryptischen Satz (Deutung) beantwortet wurde. Und so ist es auch mit dem Lehrer in der Meditation: er gibt ein kryptisches Wort, gegen das man an-meditieren muss, um es aufzubrechen und mit eigenem Beitrag zu lösen. Den gleichen Vorgang nennt man in der Psychoanalyse das „Durcharbeiten".

Die Verwendung dieses schlechthin Symbolischen, kryptisch Worthaften verbindet sich also mit dem anderen Teil des Unbewussten, dem mehr virtuell Bildhaften zu einer geradezu idealen „Übertragungs-Deutungs-Objekt" verbinden, ja, fast müsste man sagen: verknoten, verdichten, verschmelzen. Dann sieht es tatsächlich so aus wie der eingangs benannte „virtuelle Körper" im Gehirn, nur dass dieser jetzt nicht krank ist sondern rein formal, rein strukturell (virtuell) gegeben und formuliert (rhetorisch) ist. Wenn man nun noch die angekündigten FORMEL-WORTE so benutzt, dass sie letztlich auch eine „objektbezogene Deutung", also eine Bewusstwerdung des zugrunde liegenden Problems herausgeben müssen, könnte man vom „virtuellen Körper", der etwas aussagt, auch direkt als von einem virtuellen Psychotherapeuten, Lehrer, sprechen. Dies wird im Folgenden verständlicher werden, indem gezeigt wird, dass die FORMEL-WORTE selbst nach wissenschaftlichen Kriterien (psyschoanalytisch, linguistisch, semiotisch etc.) verknotete Silben, Wortteile und Buchstaben sind und wie ein „inneres Sprechen" funktionieren.

Denn etwas ursprünglich Visuelles, Geometrales, eine Art elementares SCHAUEN, noch besser ein ES STRAHLT (SCHEINT), trifft vielleicht noch deutlicher, was mit dem Schautrieb, dem Wahrnehmungstrieb, gemeint ist. Auch das früheste Tasten und auch alle anderen frühesten Wahrnehmungen werden nach der gleichen Art, nämlich geometrisch, „topologisch"[1] im Psychischen organisiert, gespeichert oder verarbeitet. Deswegen meine ich, ist es besser statt vom Schautrieb einfach direkt nur vom ES SCHAUT, ES STRAHLT zu sprechen, von etwas, das wie eine Wahrnehmungsstrebung, wie Wahrnehmungslinien in uns ein und von uns ausgeht. Bei der primärsten Art der Wahrnehmung ist das Geschaute und das SCHAUEN noch sehr ähnlich. Man kann dies z. B. ganz gut beim sogenannten „Blindsehen" (Neglect-Syndrom) verstehen. Personen, deren Sehrinde im Gehirn zerstört ist, können trotzdem mit dem Rest des Gehirns noch „sehen", obwohl das Bild auf der Netzhaut und im Gehirn nicht mehr verarbeitet werden kann. Sie „sehen" rein gefühlsmäßig oder besser: sie „sehen" mit dem, was im Gehirn den Dingen außen irgendwie identisch ist, sie „spiegeln" einfach neurologisch, virtuell. Es findet ein ES STRAHLT statt, aus dem diese Patienten Informationen der Umgebung entnehmen.

Dieses STRAHLT, das zugegebenermaßen wiederum mit unserem Bildhaften identisch ist, steht ja nun auch in der Meditation meist im Mittelpunkt, indem man sich auf ein unmittelbar gegebenes Inneres - eben eine Art von inneren Wahrnehmungen, eine Art von STRAHLT (z. B. „Licht") - konzentrieren muß. Meist werden hier jedoch mystische Begriffe verwandt, die nur verwirrend sind. Denn es geht ja wie gerade beim Neglect erwähnt nicht um eine wirkliches Sehen, sondern um ein "Sehen" in Anführungszeichen, um ein unbewusstes Wahrnehmen, ein „Erschauen", Erfühlen, geometrales, topologisches Erfassen. Ich werde dazu noch genauere Beispiele bringen.

Auch der Sprechtrieb, Entäußerungstrieb, ist somit etwas anders zu verstehen, als ein Trieb, ein Drang zu Sprechen. Es ist vielmehr eine allgemeine Strebung zur symbolischen Äußerung, Entäußerung gemeint, ein ES, das SPRICHT (was wieder unser Worthaftes ist). Einen derartigen Trieb, eine derartige Strebung sich sprachlich zu entäußern gibt es beim Tier nicht (auch für die Wahrnehmung, für das STRAHLT gilt dies, es besteht eine ganz andere Art der Visibilität beim Menschen als es die Wahrnehmung beim Tier ist).

[1] Die Topologie ist die Lehre vom Räumlichen, auch Nicht - Euklidische oder Gummi -Geometrie genannt. Ein Dreieck kann z.B. auch gebogene Linien haben, so dass die Winkelsumme mehr oder weniger als 180 Grad beträgt. Wenn wir uns das Psychische als „topologisch" organisiert denken sollen, heißt dies, daß es durch sehr flexible, dehnbare, Muster, Formen oder Zeichen aufgebaut ist.

Übt man durch gedankliches Wiederholen ein derartiges - jetzt jedoch wie gesagt konstruktiv aufgebautes - FORMEL-WORT, so greift dieses also genau in die bereits vorhandenen Schnittstellen des ja genauso verfassten Unbewussten (Bild / Wort, STRAHLT/ SPRICHT) ein, und kann dieses öffnen und modulieren. Das Gleiche lässt sich auch durch ein reines Bild darstellen, indem die Schnittstellen durch Linien ausgedrückt sind und so die Vielschichtigkeit des Unbewussten wie in der folgenden Abbildung malerisch sichtbar gemacht ist.

Ein derartiges FORMEL-WORT, das nunmehr bild- und worthafte Elemente vereint (wenn auch hier wiederum die bildhaften etwas zu kurz kommen) und das aus der lateinischen Sprache stammt, die sich dafür besonders eignet, lautet z. B.

AL-IT- ER -AS-UM

Der bildhafte Charakter dieser Formulierung ist zwar wie gesagt nicht ausgeprägt, kommt aber noch besser in der weiter unten gezeigten Kreisschreibung heraus. Immerhin sind die Buchstaben, die Silben in dieser etwas stilisierten Schreibweise ja durchaus etwas Bildhaftes und dass auch klare Worte darin stecken, wird der Lateinkenner sofort sehen. Um aber jetzt nicht in der Theorie zu weit zu gehen, werde ich den worthaften Aspekt dieser lateinischen Formulierung und deren wissenschaftlich präzisen Hintergrund gleich anschließend ausführlich erklären. Vorerst jedoch die erste (von insgesamt zwei) aus den bisher gewonnenen Erkenntnissen geformte praktische Übung um auch sofort mit einer praktischen Erfahrung zu beginnen. Denn zuviel Theorie kann verwirren.

Es ist ja auch die Praxis, die im Vordergrund stehen soll, wenn es um die Behandlung seelischer Störungen geht, die sich körperlich ausdrücken. Eben gerade die Tatsache, dass sie sich körperlich ausdrücken, heißt ja, dass theoretische Überlegungen und auch die meisten Therapien der Seele nicht ausreichend geholfen haben. Die praktische, körperlich fast spürbare Seite muss mehr betont werden. Bei der ersten Übung nun wird - wie etwa beim autogenen Training - in einer bequemen Sitzhaltung (und anfangs vielleicht besser bei geschlossenen Augen) darauf geachtet, ob man so etwas wie ein ES STRAHLT wahrnehmen kann. Die Formulierung, man solle ein „Licht" wahrnehmen, wie es bei vielen Entspannungsverfahren empfohlen wird, ist wie schon erwähnt etwas unglücklich und widersprüchlich. Schließlich handelt es sich ja nicht wirklich um Licht. Der Begriff des STRAHLT, einer Form des unbewussten SCHAUENS, SCHEINENS ist hier tatsächlich besser, und wird von den meisten Menschen schnell realisiert.

Nunmehr eine genaue Erklärung über das Wesen des FORMEL-WORTES. Denn ohne daß der gesamte Vorgang auch klar verstanden worden ist, hat alles keinen Zweck. Der Intellekt soll das Verfahren genau so erfaßt haben wie der praktische Moment erfahren werden muß. Denn nur dann kann der Intellekt während des Übens ruhig sein und muß sich nicht ängstlich nach den tatsächlichen Hintergründen fragen. Trotzdem - soviel nochmals vorweg - mit Mystik hat dies nichts zu tun, eben weil der Intellekt immer wieder eingeschaltet werden kann, wenn wirklich Fragen auftauchen. Wie die Praxis immer wieder geübt werden kann, so kann die Theorie immer wieder bedacht und hinterfragt werden. Ein derartiges Vorgehen verzögert nur scheinbar den Ablauf der Übungen. Das Denken (das dadurch „konjektural" genannt werden kann) soll ja mitwachsen und sich vertiefen und erweitern. Was hat es nun mit dem FORMEL-WORT ALITERASUM auf sich?

Wenn man sich das Formel-Wort im Kreisherum geschrieben vorstellt, weiß man nicht, von welchem Buchstaben an man zu lesen beginnen soll, denn es kommt jedesmal eine andere Bedeutungf heraus. Ich hätte also das FORMEL-WORT auch S-U-M-A-L-I-T-E-R-A schreiben können oder I.T.E.R.A.S.U.M.A. Es ist egal, wo man (im Uhrzeigersinn) zu lesen anfängt, denn beim stetigen gedanklichen Wiederholen kommt man sowieso zu einer Formulierung, wo sich das Wesen des FORMEL-WORTES am besten durch die Kreisschreibung zeigt. Man muss ja am Ende wieder von vorne anfangen. Auch wenn es zum Teil unsinnige Bedeutungen sind, die sich darin enthalten finden, sind es doch echte Bedeutungen.

So steckt in der lateinischen Formulierung AL-IT-ER-AS-UM z. B.: Aliter asum, als Anderer bin ich nicht zugegen, aber auch: summa litera, der höchste Buchstabe, weiter: malit erasum, er will lieber das Ausgelöschte, era sum alit, ich bin diejenige, die ernährt, litera sum A, ich bin der Buchstabe A. Noch zahlreiche weitere Bedeutungen stecken darin, die alle letztlich unwichtig und auch manchmal etwas unsinnig sind. Man muß die Formulierung stets nur von einer anderen Stelle aus lesen. Doch es ist wie mit dem Versprecher oder dem Traum, der ja auch unsinnig ist und aus dem man in der Psychoanalyse dennoch einen wichtigen versteckten Sinn herausziehen kann. Wir üben ja nicht die einzelnen Vorstellungen, sondern nur die geschlossene, einheitliche Formulierung. Die Zerlegung an den Schnittstellen dient lediglich der wissenschaftlichen Begründung und dem intellektuellen Verständnis des Aufbaus der FORMEL-WORTE: daß sie nämlich genauso strukturiert sind wie das Unbewusste, dass alle Vorstellungen zusammen keinen durch irgendeine bewusste Konstruktion herzustellenden Sinn ergeben, so wie der Unsinn im Traum - (oder im Beispiel das „famillionär") sich ebenso aus verschiedenen unbewussten Vorstellungen zusammensetzt. Und doch zieht - wie gesagt - der Analytiker gerade aus dem Unsinn den (darin versteckten) eigentlichen Sinn. Wenn wir uns auf das intellektuelle Verständnis dieser FORMEL-WORTE, die am Rande der Sprachlichkeit stehen, stützen, so deswegen, weil wir heute in einer Zeit leben, wo wir mehr mit Intellekt und Wissenschaft vertraut sind, als mit dem Ur-Glauben früherer Zeiten, wo wir einem z. B. von einem Gott gegebenen Sinn gehorchten. Ich habe in einer umfangreichen Veröffentlichung darauf hingewiesen, daß die Religionsstifter sich wahrscheinlich sogar ähnlicher Meditationen wie der hier mittels der FORMEL-WORTE dargestellten bedient haben, sie haben sie nur nicht wissenschaftlich erklärt und verwendet und konnten sie daher nicht so ausdrücken. Aber auch die Psychoanalytiker haben die Struktur des Unbewussten noch nicht exakt so gesehen.

 

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Bild: Verknotete Symbole der menschlichen Welt. ...mehr als nur 'blablabla' im Zentrum.

Zitate

Eben wenn man, so wenig es auch sei, an der Verbindung rührt, die der Mensch mit dem Signifikanten unterhält – hier die Umwandlung der exegetischen Verfahrensweise -, ändert man den Lauf seiner Geschichte, modifiziert man die Vertäuung seines Seins.

Jacques Lacan

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